Die blaue Stadt

Langsam schlängelt sich der Bus die engen gewunden Straßen am Berghang nach oben. Die Motoren stöhnen unter dem Gewicht der Touristen und ihres Gepäcks. Aufgeregt halte ich meine Kamera in Position und drücke meine Nase am Fensterglas platt. Gleich muss es da sein. Wenn wir um die nächste Ecke biegen, müssen wir es doch sehen können … jetzt gleich .. oder?

Jodhpur ist als die blaue Stadt bekannt. Als ich vor dem Urlaub das World Wide Web unsicher gemacht habe strahlten mir leuchtend blaue Bilder von überall entgegen. Auch im Fernsehen hatte ich schon mal Reportagen über dieses Phänomen gesehen. Es mit eigenen Augen bewundern zu können, war ein großer Wunsch von mir gewesen. Und nun? Am Busfenster zieht eine indische Stadt zu meinen Füßen vorbei. Sie ist groß und erstreckt sich bis an den Horizont. Es ist spannend sie von oben zu sehen – aber blau ist sie definitiv nicht.

Wir steigen auf einem kleinen Parkplatz am Jaswant Thada Mausoleum aus. Die erbarmungslose indische Hitze schlägt uns entgegen, es sind weit über 40 Grad und es wird jeden Tag mehr. Nch einigem hin und her (vor allem nachdem ein paar Rupien den Besitzer gewechselt haben) dürfen wir auf eine eigentlich gesperrte Aussichtsplattform. Ich glaube, dass ich gar nicht wissen möchte, warum sie eigentlich gesperrt war. Zügigen Schrittes gehe ich auf den Rand zu. Was mir vor die Linse kommt, ist noch immer nicht blau:

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Es ist nicht schlecht, es sieht wirklich gut aus – aber ich hatte sie mehr etwas … blauer vorgestellt. Aber warum eigentlich? Warum sollen die Häuser in Jodhpur blau sein?

„Nichts ist in Indien einfach nur da. Alles hat einen Sinn, eine Symbolik, eine Bedeutung. In einem Land mit dreihundertdreißig Millionen Göttern kann das gar nicht anders sein, denn da findet sich immer ein Himmelsherrscher, der für dieses oder jenes zuständig ist. Auch Farben haben für die hinduistischen Inder sehr wenig mit Physik und sehr viel mit Metaphysik zu tun. […] Nichts in Indien ist einfach, nichts hat nur eine Erklärung, niemals besteht das Land nur aus einer Schicht oder einem Grund. Und so ist Jodhpur, die blaue Stadt am Rande der Wüste Thar in Rajasthan, aus mehreren Gründen blau, nicht nur deswegen, weil sie unter besonderem göttlichen Schutz steht.“ -FAZ  Blau ist die Kraft, Jakob Strobel Y Serra, 03.06.2016-

Und weil niemals etwas in Indien nur eine Erklärung hat, kommen hier die verschiedensten Gründe, warum Blau für Jodhpur so wichtig ist:

  1. In Indien bricht immer wieder für jedermann sichtbar das Kastensystem durch die Oberfläche. So ist es auch in Jodhpur: Blau gilt als Farbe der Brahmanen, der höchsten Kaste im Hinduismus. Dass man dieser Kaste angehört trägt man gerne nach außen zur Schau, in dem man sein Haus mit der unverwechselbaren Mischung aus Kalk und Indigo versieht, welche so typisch für das Stadtbild von Jodhpur ist.
  2. Aber gut, Brahmanen gibt es doch eigentlich überall – und wenn die Stadt so blau ist, wohnen hier nur Brahmanen? Ganz klar – nein. Die Einwohner Jodhpurs, die keine Brahmanen sind, wollten nur auch etwas besonderes sein und imitierten die Brahmanen, in dem sie auch ihre Häuser blau anstrichen. Schließlich muss man den guten Schein ja nach außen wahren.
  3. Ein schöner und praktischer Nebeneffekt: Das sogenannte Krishna-Blau schützt vor den lästigen und gar nicht so ungefährlichen Moskitos, die es hier überall gibt. Dieser Grund hat sicherlich zur Verbreitung der Farbigkeit beigetragen.

Aber wo ist sie denn jetzt, diese legendäre blaue Stadt? Missmutig gehe ich zum Bus zurück. Dieser fährt noch etwas höher zum Meherangarh Fort. Auch hier noch kein Blau in Sicht. Mit dem Fahrstuhl fahren wir nach oben auf eine Aussichtsplattform, weit oben auf den Spitzen der Mauern, die dieses Bollwerk umgeben. Und als ich dort in die andere Richtung der Stadt schaue ist sie plötzlich da – die blaue Stadt:

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Und je länger man hinsieht, desto blauer wird sie. Jodhpur ist also nur von einer Seite blau. Dennoch ist das sehr faszinierend. Leider haben wir die Stadt nur zu unseren Füßen erlebt. Einzutauchen in das Straßengewirr des blauen Wunderwerkes hätte sicherlich etwas Faszinierendes und Wundernswertes gehabt. Das kommt auf jeden Fall auf die Liste, sollten wir uns nach einmal nach Indien, nach Jodhpur vorwagen.

Den ganzen Artikel aus der FAZ zu Jodhpur findet ihr hier.

  • Eure Weltenbummlerin ♥

1 Comment

  1. martin riegeros
    7. November 2017

    ach indien 😍

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